Das alltägliche Leben des Menschen wird von Tag zu Tag sicherer. Durch Ampeln, Sicherheitsgurte, Zebrastreifen, Alarmanlagen, Airbags und Helme verringert sich das Risiko im Alltag enorm. Sollte man zumindest meinen. Doch zu viel Sicherheit hat oft den gegenteiligen Effekt.
1982 führte die britische Regierung die Gurtpflicht auf den vorderen Autositzen ein. Das Verkehrsministerium erwartete, durch diese Maßnahme jährlich rund 1.000 Leben retten zu können. Doch die Zahl der tödlichen Autounfälle sank um gerade mal 200. Eine Auswertung der Unfälle ergab, dass die Zahl der Todesopfer auf den Vordersitzen erwartungsgemäß sank. Doch statt dessen starben 27 % mehr Menschen auf den Rücksitzen, 13 % mehr Fahrradfahrer und 8 % mehr Fußgänger.
Der Grund für dieses erschreckende Ergebnis liegt in der Psyche des Menschen. “Jeder Mensch hat ein Wohlfühl-Risiko-Level. Und das versucht er in allen Situationen aufrecht zu erhalten.”, so der Psychologe Rüdiger Trimpop von der Universität Jena. Technische Maßnahmen wie der Sicherheitsgurt reduzieren zwar das Todesrisiko während eines Unfalls um etwa 40 %; erhöhen aber zugleich das Risiko, dass es überhaupt zu einem Unfall kommt. Der Mensch fühlt sich mit einem Gurt sicherer, und fährt daher schneller.
Diese Theorie wurde mit einer Studie des TNO untermauert. Probanden sollten eine Fahrt von 100 km einmal mit, und einmal ohne Gurt fahren. Bei der Fahrt mit Gurt fuhren die Probanden schneller, überholten öfter und mit geringerem seitlichen Abstand, fuhren dichter auf, und bremsten aprupter.
Ähnlich war es auch Ende der 80er Jahre in München, als jedes vierte Taxi mit ABS ausgestattet wurde. Offenbar fühlten sich die Fahrer der mit ABS ausgerüsteten Taxen dank der neuen Technik praktisch unverwundbar. Doch weit gefehlt. Nach knapp drei Jahren waren Taxis mit ABS in kanpp der Hälfte der 747 Unfälle verwickelt.
Vergleichbares läßt sich auch bei Bahnübergängen beobachten. An beschranlten Bahnübergängen passieren mehr Unfälle, als bei unbeschrankten. Die Autofahrer passen bei unbeschrankten Bahnübergängen mehr auf; bei beschrankten jedoch fühlen sie sich sicherer – manchmal zu sicher…
Aber nicht nur im Verkehr ist ein derartig nachlässiges Verhalten bei erhöhter Sicherheit festzustellen. Im Jahr 1972 ordnete die Zulassungsbehörde für Arzneimittel an, dass die Verpackungen von Schmerzmedikamenten und anderen starken Arzneien einen kindersicheren Verschluss erhalten müssen. Im gleichen Jahr erlitten 3.500 mehr Kinder als durchschnittlich eine Medikamentenvergiftung. Die Eltern verließen sich auf die Sicherheit, die der kindersichere Verschluss bietet, dass sie die Medikamente öfter und länger in Reichweite von Kindern ließen.
Und auch im Umgang mit Krankheiten wie AIDS lässt sich eine psychisch bedingte Umkehrreaktion feststellen – seit dem Jahr 2000 steigt die Zahl der Neuinfektionen wieder. Durch das Verwenden von Kondomen beim Sex, und durch Meldungen von exestierenden und möglichen Terapien der Krankheit fühlen sich die Menschen sicherer, und setzen diese Sicherheit durch häufigeren Parntnerwechsel wieder aufs Spiel.
“Menschen haben keinen guten Sensor für Risiken und Unfallwahrscheinlichkeiten. Wir gewöhnen uns daran, dass hundert Mal nichts passiert, und vergessen, dass das Risiko trotzdem so groß ist, wie beim ersten Mal.”, so der Psychologe Schlag.
Doch zumindest im Straßenverkehr lässt sich unsere Psyche austrixen. Anstatt für mehr Sicherheit für den Fahrer zu sorgen, solle man beim Fahrer das Gefühl der Unsicherheit auslösen – und schon fährt er langsamer und vorsichtiger.
In wurden die Fahrbahnlinien auf einer Straße absichtlich verengt, wobei sich an der reelen Fahrbahnbreite nichts verändert hat. Doch die Maßnahme hatte zur Folge, dass die Fahrer pro 30 cm, die die Straße “enger” wurde, um 3,2 km/h langsamer fuhren.
Einen ähnlichen Weg verfolgt Hans Mondermann in Drachten. Er veranlasste, dass die beampelte Kreuzung in der Ortsmitte zu einer Kreuzung mit “geteiltem Raum” wird. Auf dieser Kreuzung gibt es heute weder Hinweisschilder noch Ampeln. Auch keine Grenze zwischen Fahrbahn und Gehweg. PKWs, Fahrräder und Fußgänger teilen sich eine Fahrbahn. Und das mit Erfolg. Größere Unfälle gab es an der umgestalteten Kreuzung bislang nicht. Die sonst so selbstsicheren Autofahrer fahren um einiges vorsichtiger, als vor der Umgestaltung.
Quelle: Sürddeutsche Zeitung: Wissen 18 no 69
Was haltet Ihr von solchen Ideen für mehr Sicherheit? Und fühlt Ihr Euch überhaupt sicher?
Euer Lord Bär